startsocial: Beratungsstipendium für Traumafokussierte Kreativarbeit!

Das Projekt „Traumafokussierte Kreativarbeit“ hat erneut gewonnen! Dieses Mal ein Beratungsstipendium von startsocial. Wir freuen uns riesig und wollen diese Chance bestmöglich nutzen, uns fit für die Zukunft zu machen. Wir danken startsocial sowie unseren Juroren und Coaches für diese wertvolle Unterstützung.

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Über startsocial e.V. 

startsocial ist ein bundesweiter Wettbewerb zur Förderung des ehrenamtlichen sozialen Engagements. Unter dem Motto „Hilfe für Helfer“ vergibt startsocial jährlich 100 viermonatige Beratungsstipendien und 25 Auszeichnungen, darunter sieben Geldpreise, an herausragende soziale Initiativen. In jeder Wettbewerbsrunde bringen über 500 Fach- und Führungskräfte als ehrenamtliche Coaches und Jurorinnen und Juroren ihr Know-how ein. Der Wettbewerb wird seit 2001 unter der Schirmherrschaft des/der Bundeskanzler*in veranstaltet und hat bereits über 1.7000 soziale Organisationen und Projekte bei ihrer Weiterentwicklung begleitet und unterstützt. Hauptförderer sind die Unternehmen Allianz Deutschland AG, Deutsche Bank AG, SAP SE, ProSiebenSat.1 Media SE und McKinsey & Company.  

Die Technik macht’s möglich: Hilfsbedürftige sollen auch in Corona-Krise nicht aus dem Blick geraten

+++ StadtLandKultur e.V. unterstützt Austausch zwischen in Flüchtlingsarbeit Engagierten 
+++ Beratungsangebote müssen Hilfsbedürftige trotz Kontakt-Beschränkungen erreichen
+++ Digitale Technik kann Bereicherung für Ehren- und Hauptamtliche über Krise hinaus sein

Traumafokussiertes Sandspiel für Kinder mit Stress oder Kriegserlebnissen: Auch während der Corona-Krise ist der Bedarf an Beratung und Unterstützung hoch – der Verein StadtLandKultur will digitale Wege beschreiten, um die Hilfsangebote aufrecht zu erhalten. Foto: StadtLandKultur

Landkreis Calw, 08.04.2020 | Die Corona-Pandemie fordert unsere Welt in vielfältigster Weise heraus. Zahlreiche existierende Problemlagen werden verstärkt, während bestehende Unterstützungssysteme, wie die mittlerweile gut etablierten Angebote für Geflüchtete und andere Hilfsbedürftige im Landkreis Calw, wegen der aktuellen Kontaktbeschränkungen auf Eis liegen.

Menschen in problematischen sozialen Situationen, insbesondere aber Kinder und Jugendliche mit Fluchthintergrund, sind durch die derzeitigen Schulschließungen und Kontaktbeschränkungen in hohem Maße isoliert und können nicht mehr betreut werden; die teils schwierigen und engen Wohnverhältnisse verschärfen die Lage. Treffs und Gesprächsangebote, Spielstunden – all das fällt den derzeitigen Beschränkungen zum Opfer. Das gilt auch für die Angebote der sogenannten „Traumafokussierten Kreativarbeit“, mit denen der Verein StadtLandKultur seit Jahren wichtige Beiträge zur Bewältigung von kriegs- und  entwicklungsbedingten psychischen Traumatisierungen leistet.

In der aktuellen Krise sind Kontakte nur noch per Telefon oder auf digitalem Weg möglich. Hilfs- und Beratungsangebote sind dadurch weitgehend lahmgelegt. Wie diese und andere Problemlagen im Landkreis Calw konkret verbessert werden können, diese Frage stand im Mittelpunkt einer einstündigen Telefonkonferenz mit 20 professionell und ehrenamtlich in der Flüchtlings- und Trauma-Arbeit Engagierten aus dem Kreis Calw. Eingeladen zu diesem Austausch hatte der Verein StadtLandKultur Calw, der schon seit 2016 Ehrenamtliche in der Begleitung traumatisierter Menschen schult und kreisweit Angebote der traumafokussierten Kreativarbeit für Kinder, Jugendliche und Erwachsene realisiert.

Urs Johnen, Vorsitzender des Vereins StadtLandKultur und Moderator der Runde, betonte: „Es geht uns darum, ein deutliches Signal zu senden: weder Helfende noch Hilfsbedürftige dürfen in dieser Ausnahmesituation im Stich gelassen werden. Dafür wollen wir gemeinsam konkrete Angebote entwickeln. Zunächst geht uns darum, ehrenamtlich Helfende und Hauptamtliche aus Sozial- und Beratungsarbeit angesichts der Kontaktbeschränkungen virtuell zusammenzubringen und daraus neue Ansätze mithilfe der zur Verfügung stehen Technologie zu entwickeln.“ Die SPD-Bundestagsabgeordnete Saskia Esken unterstützte den Vorstoß als Mitglied des Vereins und stellte eine Telefonschalte zur Verfügung, an der sie auch persönlich teilnahm: „Es ist wichtig, dass es trotz der Kontaktbeschränkungen weiterhin Angebote für geflüchtete und traumatisierte Menschen im Landkreis gibt und dass Engagierte sich hierzu austauschen können, auch wenn man sich jetzt nicht treffen kann! Ich bin sehr dankbar für diesen Initiative und für das bereits in der ersten Telefonkonferenz deutlich gewordene große Interesse und Engagement aller Beteiligten.“

Als nächste Schritte sind nun weitere Abstimmungstelefonate und eine Einführung in das Arbeiten per Videokonferenz geplant. Mittelfristig könnte sich dann beispielsweise eine Gruppe von „Tele-/Online-BeraterInnen“ bilden, die per Messenger im direkten Kontakt mit Geflüchteten steht und in den verschiedensten Problemlagen ansprechbar ist. Auch therapeutische Angebote für Hilfsbedürftige und Supervisionen für Helfende will man, soweit möglich, digital fortführen – und damit neue Möglichkeiten ausloten, die auch für die Zeit nach der Krise eine Bereicherung sein können. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen, sich an dem offenen Kreis zu beteiligen, die verschiedenen Angebote wahrzunehmen und für ihre eigene Arbeit mit hilfsbedürftigen Menschen zu nutzen. Ansprechpartner ist der Verein StadtLandKultur (info@stadtlandkultur.de).

Kontakt Projektteam „Traumafokussierte Kreativarbeit“:
Ulrike Schneider
ulrike.schneider@stadtlandkultur.de
07051-9362090

Ein Weihnachtswunder „made in Calw“

Rolf Johnen (vorne rechts) mit seinen Trauma-Helfern.
Foto: Roland Stöß

Von Roland Stöß 23.12.2019 – 17:54 Uhr

Wer das Leuchten in den Augen dieser Kinder gesehen hat, der weiß: Diese Geschichte könnte zur schönen Weihnachtsgeschichte „made in Calw“ taugen. 20 Kinder der Erna Brehm-Grund- und Werkrealschule (früher Badstraßenschule) fühlten hautnah, wie wertvoll sie in den Augen eines anderen Menschen sind – beim begleiteten Sandspiel.

Calw. Nun hieß es, Abschied nehmen von zehn wunderbaren Einheiten (Schulstunden) der „Stressbewältigung durch begleitetes Sandspiel“. Ausgestattet mit einer tüchtigen Portion Selbstwertgefühl beschreiten die Kids nun ihren weiteren Lebensweg.

Das Projekt
Obwohl sie zum Fest der Liebe passt, findet diese Geschichte nicht nur an Weihnachten statt. Sie ist also keine Eintagsfliege. Im Gegenteil. Im Landkreis Calw macht seit zwei Jahren ein Projekt von sich reden, das mit steigendem Bekanntheitsgrad zunehmend an Bedeutung gewinnt. Die Mund-zu-Mundpropaganda in pädagogischen Fachkreisen sorgt zudem für eine steigende Nachfrage. Am Ende gibt es nur Gewinner – Kinder als Individuen – die Gesellschaft im Gesamten. So war es kein Wunder, dass die Initiative durch Ministerpräsident Winfried Kretschmann den Integrationspreis des Landes Baden-Württemberg verliehen bekam.

Die Anfänge
Begonnen hatte alles mit der Idee von Rolf Johnen, sich um traumatisierte Flüchtlingskinder zu kümmern. Johnen folgte damals seinem ihm innewohnenden Paradigma „Mitmachen statt nur zugucken“. Mit dem Blick auf das unendliche Leid traumatisierter Geflüchteter äußerte sich Johnen zu jener Zeit im Gespräch mit unserer Zeitung: „Da muss man doch etwas tun“. Ein Vortrag an der Volkshochschule (VHS) des Regensburger Thomas Loew 2017 war der Startschuss. In einem Wochenendseminar unter der Leitung von Loew ließen sich in Neubulach 56 Menschen aus dem Landkreis zum „Trauma-Helfer“ ausbilden. Die Arbeit mit traumatisierten Flüchtlingen begann. Nun gilt: nicht nur Flüchtlinge – auch Schüler.

Relativ schnell wurde laut Johnen eine Merkwürdigkeit deutlich: „Die Flüchtlinge werden im Land so verteilt, dass sie nicht mehr auffallen. In der Folge sind sie auch für die therapeutischen Kurse, die wir anbieten, nicht mehr erreichbar“, so Johnen. „Wir haben deshalb mit Erfolg begonnen, die Kurse für ganze Schulklassen anzubieten.“ Traumahelferin Doris Stamm brachte diese Erfolg auf einen einfachen Nenner „So etwas tut jedem gut“. Mittlerweile hat man Kinder in Schulen Bad Liebenzells, Ebhausens und Calws betreut. Aktuell läuft ein Seminar in Altensteig. Demnächst werden in Haiterbach, Heumaden und erneut in der Calwer Badstraße Kurse stattfinden.

Die Ergebnisse
Die Rektorin der Erna Brehm Schule, Margot Boschert-Sabo, erzählte dem Schwarzwälder Bote von einem Jungen mit einer sehr schlimmen Vergangenheit, die man sich im westlichem Kulturkreis nur schwer vorstellen könne. Bei ihm zeigte sich bereits nach den ersten Stunden des Sandspiels eine positive Verhaltensänderung, die man vorher so nie erwartet hatte.

Zum ersten Mal schaffte man durch diese Stunden einen emotionalen Zugang zu diesem Jungen. Die Schulleiterin berichtete auch von einem Mädchen, das im Unterricht nicht wie sonst störte, sondern auf ihre eigene Art zu sich fand. Sie zog sich in eine Ecke zurück, um sich konzentriert mit einer ¬Tätigkeit zu beschäftigen. Oder einfach zu spielen und durch das Spiel Erlebtes zu verarbeiten.

Mittlerweile, so Johnen, berichten Lehrer und Eltern von bereits behandelten Kindern sowie von deutlichen Verbesserungen bei Konzentration, Schlafstörungen, aggressivem Verhalten, Ängsten, innerem Rückzug und vielem mehr. Eine Lehrerin sagte neulich zu Rolf Johnen „Die Kinder leben sichtlich auf. Sie kommen leicht in den Unterricht“.

Der Ablauf
Wie wird ein solch positives Ergebnis erreicht? Bei den zehn Unterrichtsstunden handelte es sich um eine feine, zwischenmenschliche Beziehung. Obwohl es eine höchst private Angelegenheit darstellte, durfte der Schwarzwälder Bote dabei sein. Rasch wurde deutlich, dass die 20 Kinder (verteilt auf zwei ¬Klassenzimmer) etwas erleben durften, was sie ihnen sehr gut tut; wo sie mit voller Konzentration dabei sind. Manch ein Kind lernte vielleicht kennen, was ihm ansonsten im Leben fehlt. Eine Bezugsperson, die „nur da ist und einen machen lässt“.

Nachdem ein gemeinsames Ritual die Anfangsspannung lösen sollte, saßen sich das Kind und „sein“ Helfer an einem Tisch gegenüber. Der Auftrag an das Kind lautete: „Du darfst spielen – und ich bin bei dir“. Das Kind durfte mit einer Kiste voller Sand und Spielfiguren das spielen, was ihm in den Sinn kommt. Der Trauma-Helfer begleitete das Spiel so, wie gute Eltern das Sandspiel begleiten würden. Allein durch die Anwesenheit und das Aufmerksam-Sein hatten die Helfer eine wichtige unterstützende Funktion für die Kinder.

Das Ende
So kam es, wie es kommen musste: Als die Glocke das Ende der Verbindung zwischen Kind und Helfer schon fast etwas unbarmherzig verkündete, entfuhr einem Kind ein spontanes „Oh nein“.
Dass das Projekt nicht nur die Seelen der Kinder berührt, wurde beim abschließenden Gedankenaustausch in der großen Helfer-Supervisionsrunde deutlich.

Eine Trauma-Helferin sprach von einer beidseitigen Trauer über das Ende der Stunden. Eine Kollegin pflichtete ihr bei. „Mir fällt der Abschied schwer. Daran muss ich nun richtig arbeiten. Doch wie geht man damit um?“ Johnen verdeutlichte die positive Seite der Trauer. „Das ist wichtig. Trauer darf übrigens nie mit Depression verwechselt werden. Trauer ist das Wertvollste, was wir haben. Es ist der Schmerz über den Verlust von etwas Wertvollem. In der Trauer behält das Verlorene seinen Bestand. Wenn wir über einen Verlust nicht mehr traurig sind, dann ist das wertlos.“

Die Zukunft
Wie geht man nun mit dem wachsenden Bedarf um? Die Erfolgsmeldung lautet: Mittlerweile sind aus den 56 Helfern mehr als 100 geworden. Aufgrund des wachsenden Bedarfs werden jedoch weitere ehrenamtliche Traumhelfer gesucht. Mitmachen kann jeder. Man muss keine berufliche Vorbildung mitbringen. Johnen bietet regelmäßig Einarbeitungskurse an. Informationen gibt es direkt bei ihm unter der Nummer 07051/1 27 25 oder per E-Mail unter rolf.johnen@stadtlandkultur.de.

Der Workshop
Am 17. Januar 2020 wird ¬Alexandra Lehmler bei Jazz am Schießberg spielen. Als sie von dem Projekt der „Stressbewältigung durch das begleitete Sandspiel“ hörte, sagte sie spontan zu, am Vormittag des Konzerts mit den Kindern in der Erna Brehm Schule einen Jazz-Workshop zu veranstalten. Die Saxphonistin erhielt 2014 den Jazzpreis des Landes Baden-Württemberg. Außerdem wurde sie mit dem Kompositionspreis bemi Neuen Deutschen Jazzpreis ausgezeichnet.

Auch die Seele braucht manchmal Erste Hilfe

An der Reuchlinschule in Bad Liebenzell ging es um das Thema „Stressbewältigung“. Foto: Stöß Foto: Schwarzwälder Bote

Von Roland Stöß 30.07.2019 – 19:22 Uhr

Der Stress nimmt immer mehr zu: Rolf Johnen vom Verein StadtLandKultur bildet „Traumahelfer“ aus. Jetzt ist er zu Gast in der Reuchlinschule in Bad Liebenzell gewesen.

Bad Liebenzell. Zunächst wurde der Begriff „Traumahelfer“ enttabuisiert. Für Johnen ist es eine „Erste Hilfe für die Seele“. Es gibt sehr viele Gründe, weshalb die Seele leiden kann. Es muss nicht immer ein traumatisches Geschehen sein. Auch ist nicht jede Seele sofort verletzt. Vielmehr erlebt jeder Mensch seinen eigenen Stress. Resilienz, also seelische Widerstandsfähigkeit und Kraft in der Krise, zu erlangen, das ist es, was man jedem Kind und Erwachsenen wünscht.

Aus diesem Grund bieten die Ehrenamtlichen um Johnen, Isolde Herter und Ulrike Schneider, die das Projekt inzwischen gemeinsam leiten, ihre Hilfe auch für Schulklassen an.

Im Rahmen des Gewaltpräventionsprogrammes begleiteten die Helfer während zehn Schulstunden eine Klasse aus dem Grundstufenbereich der Liebenzeller Reuchlinschulen. Bei dem Projekt mit dem Namen „Stressbewältigung durch begleitetes Sandspiel“ gingen die Helfer spielerisch und individuell auf die zwölf Kinder ein. Durch Atemtechniken, feste Rituale und gemeinsam gesungene Lieder wie „Aramsamsam“ oder die gespielte „Löwenjagd“ lernten die Kinder, Ängste zu erkennen und ihnen zu begegnen.

Nächste Kurse im Herbst

Rückblick: Vor gut einem Jahr bildete Thomas Löw, Professor aus Regensburg, die ersten Helfer und Begleiter aus. Mittlerweile steigt der Bedarf an Betreuungsstunden stetig an. Deshalb bietet Johnen im September eine weitere Ausbildung im Rahmen eines Abendseminars an. Dabei wird der Zeitbedarf übersichtlich bleiben. Die Ausbildung ist für die Teilnehmer kostenlos. Neben der Arbeit mit Geflüchteten werden zwischen Oktober und Dezember die nächsten Schulkurse angeboten.

Das Tolle an der Sache: Bisherige Kursteilnehmer berichten, dass sowohl Ausbildung als auch die Tätigkeit selbst für die eigene Persönlichkeit gewinnbringend sind. Ulrike Schneider beispielsweise sagte: „Mit den erlernten Entspannungstechniken kann man unangenehmen oder stressigen Situationen des Alltags viel entspannter begegnen und durch die gemeinsame Arbeit entsteht ein wohltuendes Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Traumahelfern. Ich empfinde das Projekt als großen Gewinn für alle Beteiligten.“

Das Projekt unter dem Dach des Vereins StadtLandKultur wurde kürzlich mit dem Integrationspreis des Landes Baden-Württemberg 2019 ausgezeichnet. Weitere Informationen gibt es bei Rolf Johnen unter der Telefonnummer 07051/1 27 25, E-Mail: rolf.johnen@stadtlandkul tur.de und Ulrike Schneider, Telefon 07051/9 36 20 90, E-Mail: ulrike.schneider@stadt landkultur.de.

Calwer erhalten Integrationspreis

Rolf Johnen (von links), Isolde Herter, Ulrike Schneider, Manne Lucha und der Vereinsvorsitzende Urs Johnen bei der Verleihung des Integrationspreises in Stuttgart. Foto: Privat

Von Bianca Rousek 23.05.2019 – 22:16 Uhr

Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) und Integrationsminister Manne Lucha (Grüne) haben in Stuttgart erstmals den Integrationspreis verliehen. Einer der Preisträger ist der Verein „StadtLandKultur“ aus Calw.

Calw. 380 Bewerbungen waren für den ersten Integrationspreis eingegangen, gerade einmal 13 Vereine, Stiftungen, Initiativen und Unternehmen wurden mit einem Preis ausgezeichnet – sechs weitere mit einem Anerkennungspreis. Unter den glücklichen Gewinnern war auch der Verein „StadtLandKultur“ aus Calw. Für sein Engagement für die Traumabewältigung bei Flüchtlingen erhielten die Verantwortlichen den dritten Preis in der Kategorie Zivilgesellschaft.

Eine Urkunde, einen Pokal in Form des baden-württembergischen Wappentiers, dem Stauferlöwen und ein Preisgeld in Höhe von 1000 Euro bekamen Rolf Johnen, Ulrike Schneider, Urs Johnen und Isolde Herter stellvertretend für die anderen Helfer der Projektgruppe Traumanetzwerk überreicht. „Das ist eine Bestätigung unserer Arbeit“, freut sich Schneider.

Begonnen hat der Einsatz der Ehrenamtlichen im Herbst 2016. Zunächst beschäftigten sie sich in Vorträgen und Seminaren mit dem Thema Traumabewältigung, vor allem in Bezug auf die Flüchtlingsarbeit. Wenig später gründeten sie den Verein „StadtLandKultur – Netzwerk für gesellschaftliches und kulturelles Miteinander im Landkreis Calw“, um unter anderem durch musikalische Veranstaltungen Zusammenhalt zu schaffen.

Vergangenes Jahr gelang es Rolf Johnen, Facharzt für Psychosomatik im Ruhestand, den Spezialisten der Uni Regensburg, Thomas Loew, für einen Vortrag zu gewinnen. Ein Durchbruch, wie sich später herausstellen sollte. Denn durch ihn wurden die ehrenamtlichen Helfer auf das „Traumafokussierte Sandspiel“ aufmerksam. Ein Konzept, das inzwischen zu den Kernkompetenzen des Vereins gehört.

Das „Traumafokussierte Sandspiel“ ist speziell für Kinder bis zum Alter von zwölf Jahren geeignet. Sie sitzen – jeweils mit einem Helfer – an einem Tisch, vor sich eine Wanne, die sie selbst mit Sand befüllen können. Zudem finden sie auf dem Tisch verschiedene Spielfiguren – von Bauklötzen über Tiere, Familien, bis hin zu Kriegern und Waffen. Die Kinder bekommen pro Sitzung (insgesamt zehn) zwei mal 20 Minuten Zeit, mit den Utensilien ihre ganz eigenen Geschichte zu spielen. Ob Familienidyll oder Kriegsszenen sei dabei zweitrangig, erklärt Johnen. „Wichtig ist, dass die Kinder das spielen, was in ihnen vorgeht.“ Der Helfer soll dabei zwar innerlich teilnehmen – zum Beispiel in Form von Beruhigung, falls das Kind unruhig wird – jedoch das Spiel nicht beeinflussen.

Ziel des Ganzen ist, dass die traumatischen Ereignisse, die Flüchtlingskinder oftmals erlebt haben, wieder in das autobiografische Gedächtnis zu rücken.

Konzentriert bei der Sache

Das sei wichtig, sagt Johnen, damit sich die Kinder besser in der Realität zurechtfinden. Durch eine Traumatisierung würden bestimmte Verknüpfungen im Gehirn gestört, sodass das Geschehen sozusagen aus dem autobiografischen Gedächtnis gelöscht wird, erläutert er. Ein Schutzmechanismus. Bleibt das jedoch auf Dauer so, könnte es jederzeit passieren, dass ein bestimmter Auslöser – ein Duft, ein Geräusch, ein Gegenstand – das Trauma erneut auslöst. Und das mit voller Wucht.

Das Sandspiel soll das verhindern, indem sich die Kinder schon vorher auf schonende Weise mit dem Erlebten auseinandersetzen. Um sie dabei optimal zu unterstützen, haben alle Helfer eine Schulung absolviert.

Für Jugendliche und Erwachsene, die ein Trauma erlitten haben, hat der Verein Maßnahmen wie zum Beispiel die Ausarbeitung der Lebenslinie entwickelt. Zwar ein anderes Vorgehen, wie beim Sandspiel, jedoch mit demselben Ziel.

Drei Kurse mit je zehn Teilnehmern hat das Projekt Traumanetzwerk, das sich jüngst in Projekt Traumafokussierte Kreativarbeit umbenannt hat, bereits hinter sich. Die Zukunftspläne reichen jedoch noch viel weiter. So soll es in Zukunft in Schulen Kurse geben, in denen sich ganze Klassen mit dem Sandspiel beschäftigen.

Zwar gibt es inzwischen 80 Helfer für das Projekt – für die Nachfrage sei das aber noch zu wenig, sagt Johnen. Schließlich sei das Netzwerk im ganzen Landkreis aktiv. Die Kinder seien von dem Konzept restlos begeistert, fühlten sich wohl und angenommen, sagt Herter. Für die Helfer sei es rührend zu sehen, wie konzentriert sie bei der Sache sind. „Es macht uns viel Freude“, betont Johnen.

Selbiges gilt natürlich auch für den Preis, den die Calwer vor rund 800 Gästen erhalten haben. „Die Landesregierung zeigt damit Mut“ sind sie sich einig. „Man hat gemerkt, dass es ihnen wirklich ein Anliegen ist, diese Gruppen zu unterstützen.“ Überdies sei es schön gewesen zu sehen, wie viele Menschen sich für andere einsetzen. Johnen: „Das lässt hoffen.“ Oder wie Ministerpräsident Kretschmann in einer Pressemitteilung zitiert wird: „All diese Initiativen und Projekte tragen wesentlich zum ­Zusammenhalt der Gesellschaft bei und zeigen, dass Vielfalt ein selbstverständlicher Teil Baden-Württembergs ist.“

Hoffnung für geschundene Kinderseelen

Von Axel H. Kunert 11.12.2018 – 17:59 Uhr

Die Begleiter der Sandkasten-Spiele in Nagold. Ganz rechts im Bild Gerlinde Unger, daneben Bernd Schlanderer, Geschäftsführer der Diakonie Nordschwarzwald, die das Hilfs-Angebot für traumatisierte Kinder organisiert. In der Bildmitte Rolf Johnen, Arzt für Psychosomatik aus Calw, der die Sandkasten-Spiele als Therapie-Möglichkeit für die Region entdeckt und eingeführt hat und die Angebote   als verantwortlicher Therapeut begleitet.  Foto: Kunert Foto: Schwarzwälder Bote
Die Begleiter der Sandkasten-Spiele in Nagold. Ganz rechts im Bild Gerlinde Unger, daneben Bernd Schlanderer, Geschäftsführer der Diakonie Nordschwarzwald, die das Hilfs-Angebot für traumatisierte Kinder organisiert. In der Bildmitte Rolf Johnen, Arzt für Psychosomatik aus Calw, der die Sandkasten-Spiele als Therapie-Möglichkeit für die Region „entdeckt“ und eingeführt hat und die Angebote als verantwortlicher Therapeut begleitet. Foto: Kunert Foto: Schwarzwälder Bote

Es stockt einem der Atem: Der kleine Junge im grauen Jogging-Anzug, mit den dunklen Haaren, den fast schwarzen Augen stellt mit allen Geräuschen und Gesten einen Straßenkampf nach – Soldat gegen Soldat, Deckung gegen freies Schussfeld. Reihenweise sterben seine kleinen Plastikkämpfer.

Nagold. Sie werden von Matchbox-Panzern überrollt. Eine Granate lässt der kleine Junge explodieren, der Wüstensand spritzt auf als er ihn mit seinen Fingern verteilt. „Pruuuchhhh“, macht es aus seinem Mund. Keiner seiner Soldaten steht mehr aufrecht. Was so sehr erschüttert an dieser Szene, an diesem Spiel in einem Sandkasten, nicht wesentlich größer als ein Schuhkarton: Der kleine Junge spielt nach, was er real erlebt hat – daheim, in seinem Heimatland Syrien. Oder Afghanistan. Oder sonstwo, wo der Krieg auch die Seelen verstört.

Jetzt ist der Junge hier in einem Klassenraum der Nagolder Kernenschule. Mit ihm zusammen neun, zehn weitere Kinder im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren. „Die Kinder haben das Schlimmste erlebt, was man sich vorstellen kann,“ sagt Rolf Johnen, Facharzt für Psychosomatik aus Calw. Die Kinder haben gesehen, wie Menschen misshandelt wurden, starben. Ihre Angehörigen. Wie sie erschossen wurden. Ermordet. Zerhackt. Zerfetzt von Bomben, Minen und eben Granaten. So wie es der kleine Junge im grauen Jogging-Anzug eben in seinem kleinen Sandkasten nachgestellt hat.

Hier ist die erlebte Grausamkeit „nur noch“ kindliches Spiel

Der einzige Trost für den Betrachter dieser erschütternden Szene: Hier im behüteten Klassenraum ist die erlebte, unfassbare Grausamkeit „nur noch“ kindliches Spiel. Ein Spiel, das heilen kann: Wir Menschen bewältigen erlebte Traumatas, indem wir die Erinnerung daran wieder hoch holen aus der Erinnerung, aus dem Unterbewusstsein – und diese Erinnerung durch ein neues, darauf „aufgesetztes“ Erleben „überschreiben“. Die Synapse im Gehirn mit der Schock-Erinnerung quasi neu programmieren – sie mit neuen Erinnerungen aus einem positiveren Umfeld wieder neu in unser Gedächtnis einsortieren. Genau das kann kleinen, beschädigten Kinderseelen helfen. Manchmal sogar komplett heilen.

Die schwersten Fälle kommen in die Sandkasten-Spiele

Und zwar in einer extrem beeindruckenden Art und Weise. Alle Kinder hier im Klassenraum im Kernen galten an ihren eigenen Schulen (in und um Nagold) als „unbeschulbar“, erzählt Rolf Johnen. Sie störten den Unterricht, verweigerten die Mitarbeit, zeigten sich jedem guten Zureden gegenüber verschlossen. Genau nach solchen Kindern sucht Johnen gezielt mit Hilfe eines Fragebogens – um die Schwere der, man nennt es heute gerne, „posttraumatischen Belastungsstörung“ einschätzen zu können. Die schwersten Fälle kamen hier in die Sandkasten-Spiele – zehn Wochen lang, eine „Begleitung“ wöchentlich.

Jedem der Kinder ist dabei ein ehrenamtlicher Betreuer zugeteilt. Oder besser: tatsächlich Begleiter. Der Erwachsene, manchmal im Oma- oder Opa-Alter, aber auch jünger, ist einfach nur da – ein Gegenüber für das Kind in seinem Spiel. Ein Zuschauer, der das Kind so annimmt wie es ist. Keine Wertung, keine Ermunterung, kein Tadel. Nur die Sicherheit einer Gegenwart. Auch ein Publikum für das Kind, dem es sein Spiel präsentieren kann. Das dadurch Vertrauen aus seinem Gegenüber schöpft. Und sich und seine Seele in diesem neuen, spielerischen Raum öffnet – für das unbeschwerte Wiedererleben des so sehr Schrecklichen.

Man sieht den Begleitern an, dass es ihnen nicht immer leicht fällt, unbeteiligt zu bleiben. Neutral, die eigenen Emotionen in Griff. Selbst wie ein Therapeut. In einem Kurs – mit 50 weiteren Helfern – haben sie im Frühjahr gelernt, wie sie sich während der Sandkasten-Spiele zu verhalten haben. Was mit den Kindern während dieser Begleitungen passiert. Welche psychologischen Techniken auch in den anderen Programmteilen – dem gemeinsamen Singen, den Atemübungen, den gezielten Bewegungsübungen – stecken: wirkende Ersatzhandlungen, um die tiefsitzenden Trauma-Erinnerungen durch ein unbeschwertes, leichtes, fröhliches Erleben bestenfalls zu neutralisieren.

„Ich bin sehr überrascht, wie sehr sich die Kinder in diesen Begleitungen tatsächlich öffnen und mitmachen“, erläutert Rolf Johnen. Ein ganz anderes Bild dieser Kinder, als deren Schulen zuvor berichtet haben. Und was diese Schulen nun auch selbst zurückmelden: Die Kinder, die die Sandkasten-Spiele durchlebt haben, seien wie ausgewechselt – motiviert, begeistert, wissbegierig. Weshalb Johnen hofft, seinen Fragebogen künftig an allen Schulen im Umkreis zum Einsatz zu bringen – um möglichst vielen schwerst-traumatisierten Kindern („nicht nur aus Kriegsgebieten – verheerende Konflikte, die Kinder seelisch aufs Tiefste verletzten, gibt es auch in hiesigen Familien“) diese Hilfe zukommen zu lassen.

„Es tut wohl, wie die Kinder etwas von sich zeigen“

Bisher gibt, beziehungsweise gab es drei dieser Begleitungen: Neben der hier in Nagold je eine in Calw und Althengstett. Wobei diese Begleitungen für die ehrenamtlichen Helfer keine „Einbahnstraßen“ sind: „Es tut wohl, wie die Kinder etwas von sich zeigen“, sagt eine der Begleiterinnen. Eine andere ergänzt: „Es ist eine faszinierende Arbeit, wirklich fantastisch – Kindern auf diese Weise helfen zu dürfen.“ Wobei es aber „sehr, sehr schwer“ falle, sich tatsächlich „nicht auf ›mehr‹ einzulassen“ – eine tiefere Bindung zu den Kindern aufzubauen, sondern sie nur auf Zeit zu begleiten.

Die Idee dabei, erläutert Gerlinde Unger von der Sozialberatung der Diakonie Nordschwarzwald, eine der immer auch mit anwesenden professionellen Betreuerinnen bei den „Sandkasten-Spielen“: „Die Kinder sollen in ihrem Spiel und ihrem Erleben hier in diesem geschützten Raum wirklich absolut frei sein.“ Kein Beziehungsballast, kein vorgeprägtes Rollenverhalten, kein Gruppenzwang – immer Freiwilligkeit, Offenheit, Angenommen-Sein so wie jedes Kind nun mal ist. Weshalb der wohl älteste Junge in dieser Runde beim abschließenden Singkreis auch gerne schweigen darf. Das sei „altersgerechtes Verhalten“, schmunzelt Rolf Johnen, während die Kinder den Klassenraum längst verlassen haben.

Zurück bleiben einige der gestalteten Sandkästen der Kinder: Vollgestellt mit spielzeuggroßem Kriegsgerät, halb verbuddelten Playmobil-Leichen, zerschundenen Plastik-Soldaten. Das Unaussprechliche sichtbar gemacht. Gerlinde Unger erzählt, was sie dabei persönlich mit am meisten berührt hat: „Ein Junge hat jedes Mal seinen ›Kriegskasten‹ komplett zugestellt mit Panzern und Kriegsgerät. Jedes Mal, wenn er seinen Sandkasten gestaltete. Doch ganz zum Schluss baute er ein kleines, knallbuntes Viereck in die Mitte seines Kastens – mit Tieren, Huhn, Hase und Schwein.“ Ein Fleckchen Normalität inmitten der unaussprechlichen Grausamkeiten, die dieses Kind erlebt hat. Ein Hoffnungsschimmer aus dieser kindlichen Seele.

Helfer lernen Sandspieltherapie kennen

Von Roland Stöß 29.01.2018 – 09:42 Uhr

Aufstellen zum Gruppenbild (von links): Birgit Auer (Diakonie), Helmut Leipersberger (verantwortlicher Therapeut), Gerlinde Unger (Diakonie), Rolf Johnen, die 1000. Teilnehmerin Isabell Stahl, Beate Leinberger und Thomas Loew. Foto: Stöß Foto: Stöß

Aufstellen zum Gruppenbild (von links): Birgit Auer (Diakonie), Helmut Leipersberger (verantwortlicher Therapeut), Gerlinde Unger (Diakonie), Rolf Johnen, die 1000. Teilnehmerin Isabell Stahl, Beate Leinberger und Thomas Loew. Foto: Stöß

Neubulach/Calw – 56 engagierte, ehrenamtliche Laien wurden in einem Zweitages-Seminar qualifiziert, traumatisierte Flüchtlingskinder und -jugendliche seelisch zu unterstützen. Das Besondere: Der Erfinder des inzwischen weltweit angewandten Projektes, Thomas Loew, begrüßte in Calw die 1000. Teilnehmerin Isabell Stahl.

Erfreulich: Bei offiziellen Stellen ist die Unverzichtbarkeit dieses Projektes anerkannt worden. Der Calwer Organisator Rolf Johnen erhielt finanzielle Zusagen von verschiedenen Stellen (Stadt Calw, Landkreis Calw, Fonds für Flüchtlingsarbeit). Mitunterstützer sind ferner der Diakonieverband Nördlicher Nordschwarzwald, gefördert vom Deutschen Hilfswerk.

Loew, ärztlicher Leiter der Regensburger Uniklinik in Sachen Psychosomatik, hatte angesichts des unerwartet großen Teilnehmerandrangs die Kinder- und Jugendpsychologin Beate Leinberger zum Zwei-Tage-Seminar mitgebracht.

Individuelle Betreuung

Dieses richtete sich an alle Helfer und Interessierten, um zu erfahren, was es bedeutet, ein Trauma zu erleiden. Diese ehrenamtlichen Traumahelfer, so dürfen sie sich in Zukunft nennen, treten demnächst die Aufgabe an, betroffene Flüchtlingskinder und -jugendliche individuell zu betreuen. „Unser Ziel ist es, Kindern und Jugendlichen nachhaltig zu helfen. Ein nicht verarbeitetes Trauma beeinflusst sonst das gesamte weitere Leben“, so Loew. Die Folgen aus zig-tausendfachen, nicht verarbeiteten Kriegstraumata könnte die Gesellschaft kaum verkraften.

Diese Initiative ergriff Loew, als er 2015 erkannte: Die Zahl traumatisierter Flüchtlinge, insbesondere der Kinder und Jugendliche, ist einfach zu groß, “ als dass wir sie im Rahmen der kurz und mittelfristig zur Verfügung stehenden Ressourcen unterstützen können. Da wir bei konventionellem Vorgehen bei etwa 3000 Kinder-psychotherapeuten und 700 Kinderpsychiatern und mit etwa 150 000 traumatisierten Kindern rechnen müssen, würde das 1,5 Millionen Behandlungsstunden entsprechen. Selbst wenn wir uns nur auf die größten Krisen beschränken: Das ist nicht zu leisten.“

Er nahm mit diesen Zahlen allen potenziellen Kritikern den Wind aus den Segeln. „Eigentlich sind wir in Deutschland schon ohne Flüchtlinge in dieser Frage unterversorgt.“ Sie spielten damit auf die unversorgten psychosomatischen Leiden Einheimischer an. „Wie wäre es mit einem Erste-Hilfe-Kurs für die Seele?“

Loew und Leinberger erklärten anschaulich, was es heißt, traumatisiert zu sein. Brennende Menschen, Giftgas, der verstümmelte Vater, Bombenlärm, offene Gräber mitten in der Stadt, Trennung von der Familie, Kälte und Hunger. All das und viel mehr gilt es zu verarbeiten.

Ruhig sowie gelassen

Mut macht, dass die Kinder lernen wollen. Dass die Kinder die Erwachsenen spiegeln. Darin liegt auch ein Erfolgsgeheimnis der Therapie. Sind die Helfer ruhig und gelassen, lernen das die Kinder recht schnell ebenso. Das Kind kommuniziert mit den Helfern wortlos. Es braucht nicht gesprochen zu werden. Gerade Kinder werden durch „Beziehung und Bindung“ durch das Leben getragen. Exakt dieses Bewusstsein wurde in diesem Kurs geschaffen.

Loew ist optimistisch, weil er die innere Einstellung und das Engagement dieser 56 Helfer sieht. Diese opfern ihre Freizeit, möchten helfen, übernehmen Verantwortung. Sie bereichern sich übrigens dadurch auch selbst. „Wir können so ein Projekt gestalten, weil wir es hier mit Erwachsenen zu tun haben.“ Die (laienhaften) Trauma- helfer werden bei ihrer Tätigkeit nicht alleine gelassen. In Calw werden ausnahmslos immer die Psychologen Helmut Leipersberger und Rolf Johnen anwesend sein. Somit sind sie zur Stelle, wenn der Helfer nicht weiter weiß. Die Verantwortung liegt bei den Therapeuten.

Die angehenden Traumahelfer lernten in Neubulach praktisch und am eigenen Leib, wie eine Sandspieltherapie aussieht und durchgeführt wird. Abwechselnd – aus der Sicht des Kindes und des Therapeuten.

Sie lernten die gesundheitsfördernde Wirkung einer beruhigenden Atmung und die positiven Einflüsse des Singens. Auch positive Erkenntnisse der modernen Gehirnforschung und positiv wirkende Übungen (bilaterale Stimulation, die liegende Acht, EMDR-Behandlung, SURE) zeigten den Schulungsteilnehmern Erstaunliches.

Negative Beeinflussung

Im Pressegespräch gefragt, was seine Motivation für diese außergewöhnliche Initiative sei, antwortete Rolf Johnen mit einem einfachen Satz: „Da muss man doch etwas machen. Das ist doch ein Zeichen der Menschlichkeit.“

Johnen hat die beiden Regensburger Referenten auf die Gefahr hin engagiert, auf den nicht unerheblichen Kosten sitzen zu bleiben. Nun sind er und die Teilnehmenden sehr dankbar und freuen sich über die Finanzspritzen der Stadt Calw, des Landkreises und dem Fonds für Flüchtlingsarbeit (initiiert von Saskia Esken, Mitglied des deutschen Bundestages).

Loew machte allen offiziellen Stellen die Rechnung auf, dass dies eine gewinnbringende Investition ist. Umgekehrt, was es, nicht nur finanziell, für die Gesellschaft bedeutet, wenn ein Kriegstrauma unverarbeitet bleibt. Dass das gesamte weitere Leben negativ beeinflusst wird, wurde am Ende jedem Teilnehmenden klar.

Als Loew dann auch noch die vielfältigen, schwierigen und kulturellen Hintergründe beleuchtete, die Geflüchtete begleiten, wurde hier und da viel neues Verständnis erzeugt. Beispiele machten deutlich, wieso jemand ein bestimmtes Verhalten mitbringt.

„Damit müssen wir umgehen.“ Loew machte auch unmissverständlich klar: „Mit etwas umgehen heißt nicht, alles zu akzeptieren“ Wir sind sehr kompromissbereit. Wir gehen in vielen Situationen auf diese Menschen zu und sind hilfsbereit. „Doch gilt es, klare Kante zu zeigen; Regeln aufzuzeigen, die es einzuhalten gilt.“ Mit allen Konsequenzen.

Ausbildung zum Trauma-Helfer

Traumaforscher Thomas Löw schult Ehrenamtliche. Foto: privat Foto: Schwarzwälder Bote
Traumaforscher Thomas Löw schult Ehrenamtliche. Foto: privat 

Calw-Wimberg. Den Kindern, die aus Kriegsgebieten stammen, wünscht man allenthalben eine gute Zukunft in Deutschland. Doch einige von ihnen sind erheblich traumatisiert. Dieser Zustand verhindert eine wünschenswerte Entwicklung. Die Folgen werden die Kinder selbst, aber auch die Gesellschaft dauerhaft zu tragen haben.

Traumaforscher Thomas Löw aus Regensburg hat ein Konzept entwickelt, das auch Laien schnell erlernen können. Dazu gehören Verständnis, Sandspieltherapie oder Malen. Zwei Tage lang werden Ehrenamtliche geschult. Eine solcher Kurs findet vom 27. bis 28. Januar im Schwarzwald-Sportzentrum Neubulach statt (Korrektur des Webadmin: Im Artikel ist fälschlicherweise die Wimbergschule genannt). Es sind noch Plätze frei.

Aus Kostengründen muss niemand fernbleiben

Beim Organisator auf Calwer Ebene, Rolf Johnen, laufen alle Fäden zusammen. Bei ihm können Interessierte weitere Informationen erhalten. Johnen lässt wissen, dass aus Kostengründen kein Interessierter fernbleiben muss.

Auch bietet der Kurs viel, um den persönlichen Horizont in Sachen Persönlichkeitsbildung zu erweitern, also dürfte die Teilnahme gewinnbringend sein. Die Anmeldungen zum Zwei-Tages-Seminar sind möglich bei Rolf Johnen, E-Mail rolf.johnen@gmail.com oder Telefon 07051/70 03 19.