Hoffnung für geschundene Kinderseelen

Von Axel H. Kunert 11.12.2018 – 17:59 Uhr

Die Begleiter der Sandkasten-Spiele in Nagold. Ganz rechts im Bild Gerlinde Unger, daneben Bernd Schlanderer, Geschäftsführer der Diakonie Nordschwarzwald, die das Hilfs-Angebot für traumatisierte Kinder organisiert. In der Bildmitte Rolf Johnen, Arzt für Psychosomatik aus Calw, der die Sandkasten-Spiele als Therapie-Möglichkeit für die Region entdeckt und eingeführt hat und die Angebote   als verantwortlicher Therapeut begleitet.  Foto: Kunert Foto: Schwarzwälder Bote
Die Begleiter der Sandkasten-Spiele in Nagold. Ganz rechts im Bild Gerlinde Unger, daneben Bernd Schlanderer, Geschäftsführer der Diakonie Nordschwarzwald, die das Hilfs-Angebot für traumatisierte Kinder organisiert. In der Bildmitte Rolf Johnen, Arzt für Psychosomatik aus Calw, der die Sandkasten-Spiele als Therapie-Möglichkeit für die Region „entdeckt“ und eingeführt hat und die Angebote als verantwortlicher Therapeut begleitet. Foto: Kunert Foto: Schwarzwälder Bote

Es stockt einem der Atem: Der kleine Junge im grauen Jogging-Anzug, mit den dunklen Haaren, den fast schwarzen Augen stellt mit allen Geräuschen und Gesten einen Straßenkampf nach – Soldat gegen Soldat, Deckung gegen freies Schussfeld. Reihenweise sterben seine kleinen Plastikkämpfer.

Nagold. Sie werden von Matchbox-Panzern überrollt. Eine Granate lässt der kleine Junge explodieren, der Wüstensand spritzt auf als er ihn mit seinen Fingern verteilt. „Pruuuchhhh“, macht es aus seinem Mund. Keiner seiner Soldaten steht mehr aufrecht. Was so sehr erschüttert an dieser Szene, an diesem Spiel in einem Sandkasten, nicht wesentlich größer als ein Schuhkarton: Der kleine Junge spielt nach, was er real erlebt hat – daheim, in seinem Heimatland Syrien. Oder Afghanistan. Oder sonstwo, wo der Krieg auch die Seelen verstört.

Jetzt ist der Junge hier in einem Klassenraum der Nagolder Kernenschule. Mit ihm zusammen neun, zehn weitere Kinder im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren. „Die Kinder haben das Schlimmste erlebt, was man sich vorstellen kann,“ sagt Rolf Johnen, Facharzt für Psychosomatik aus Calw. Die Kinder haben gesehen, wie Menschen misshandelt wurden, starben. Ihre Angehörigen. Wie sie erschossen wurden. Ermordet. Zerhackt. Zerfetzt von Bomben, Minen und eben Granaten. So wie es der kleine Junge im grauen Jogging-Anzug eben in seinem kleinen Sandkasten nachgestellt hat.

Hier ist die erlebte Grausamkeit „nur noch“ kindliches Spiel

Der einzige Trost für den Betrachter dieser erschütternden Szene: Hier im behüteten Klassenraum ist die erlebte, unfassbare Grausamkeit „nur noch“ kindliches Spiel. Ein Spiel, das heilen kann: Wir Menschen bewältigen erlebte Traumatas, indem wir die Erinnerung daran wieder hoch holen aus der Erinnerung, aus dem Unterbewusstsein – und diese Erinnerung durch ein neues, darauf „aufgesetztes“ Erleben „überschreiben“. Die Synapse im Gehirn mit der Schock-Erinnerung quasi neu programmieren – sie mit neuen Erinnerungen aus einem positiveren Umfeld wieder neu in unser Gedächtnis einsortieren. Genau das kann kleinen, beschädigten Kinderseelen helfen. Manchmal sogar komplett heilen.

Die schwersten Fälle kommen in die Sandkasten-Spiele

Und zwar in einer extrem beeindruckenden Art und Weise. Alle Kinder hier im Klassenraum im Kernen galten an ihren eigenen Schulen (in und um Nagold) als „unbeschulbar“, erzählt Rolf Johnen. Sie störten den Unterricht, verweigerten die Mitarbeit, zeigten sich jedem guten Zureden gegenüber verschlossen. Genau nach solchen Kindern sucht Johnen gezielt mit Hilfe eines Fragebogens – um die Schwere der, man nennt es heute gerne, „posttraumatischen Belastungsstörung“ einschätzen zu können. Die schwersten Fälle kamen hier in die Sandkasten-Spiele – zehn Wochen lang, eine „Begleitung“ wöchentlich.

Jedem der Kinder ist dabei ein ehrenamtlicher Betreuer zugeteilt. Oder besser: tatsächlich Begleiter. Der Erwachsene, manchmal im Oma- oder Opa-Alter, aber auch jünger, ist einfach nur da – ein Gegenüber für das Kind in seinem Spiel. Ein Zuschauer, der das Kind so annimmt wie es ist. Keine Wertung, keine Ermunterung, kein Tadel. Nur die Sicherheit einer Gegenwart. Auch ein Publikum für das Kind, dem es sein Spiel präsentieren kann. Das dadurch Vertrauen aus seinem Gegenüber schöpft. Und sich und seine Seele in diesem neuen, spielerischen Raum öffnet – für das unbeschwerte Wiedererleben des so sehr Schrecklichen.

Man sieht den Begleitern an, dass es ihnen nicht immer leicht fällt, unbeteiligt zu bleiben. Neutral, die eigenen Emotionen in Griff. Selbst wie ein Therapeut. In einem Kurs – mit 50 weiteren Helfern – haben sie im Frühjahr gelernt, wie sie sich während der Sandkasten-Spiele zu verhalten haben. Was mit den Kindern während dieser Begleitungen passiert. Welche psychologischen Techniken auch in den anderen Programmteilen – dem gemeinsamen Singen, den Atemübungen, den gezielten Bewegungsübungen – stecken: wirkende Ersatzhandlungen, um die tiefsitzenden Trauma-Erinnerungen durch ein unbeschwertes, leichtes, fröhliches Erleben bestenfalls zu neutralisieren.

„Ich bin sehr überrascht, wie sehr sich die Kinder in diesen Begleitungen tatsächlich öffnen und mitmachen“, erläutert Rolf Johnen. Ein ganz anderes Bild dieser Kinder, als deren Schulen zuvor berichtet haben. Und was diese Schulen nun auch selbst zurückmelden: Die Kinder, die die Sandkasten-Spiele durchlebt haben, seien wie ausgewechselt – motiviert, begeistert, wissbegierig. Weshalb Johnen hofft, seinen Fragebogen künftig an allen Schulen im Umkreis zum Einsatz zu bringen – um möglichst vielen schwerst-traumatisierten Kindern („nicht nur aus Kriegsgebieten – verheerende Konflikte, die Kinder seelisch aufs Tiefste verletzten, gibt es auch in hiesigen Familien“) diese Hilfe zukommen zu lassen.

„Es tut wohl, wie die Kinder etwas von sich zeigen“

Bisher gibt, beziehungsweise gab es drei dieser Begleitungen: Neben der hier in Nagold je eine in Calw und Althengstett. Wobei diese Begleitungen für die ehrenamtlichen Helfer keine „Einbahnstraßen“ sind: „Es tut wohl, wie die Kinder etwas von sich zeigen“, sagt eine der Begleiterinnen. Eine andere ergänzt: „Es ist eine faszinierende Arbeit, wirklich fantastisch – Kindern auf diese Weise helfen zu dürfen.“ Wobei es aber „sehr, sehr schwer“ falle, sich tatsächlich „nicht auf ›mehr‹ einzulassen“ – eine tiefere Bindung zu den Kindern aufzubauen, sondern sie nur auf Zeit zu begleiten.

Die Idee dabei, erläutert Gerlinde Unger von der Sozialberatung der Diakonie Nordschwarzwald, eine der immer auch mit anwesenden professionellen Betreuerinnen bei den „Sandkasten-Spielen“: „Die Kinder sollen in ihrem Spiel und ihrem Erleben hier in diesem geschützten Raum wirklich absolut frei sein.“ Kein Beziehungsballast, kein vorgeprägtes Rollenverhalten, kein Gruppenzwang – immer Freiwilligkeit, Offenheit, Angenommen-Sein so wie jedes Kind nun mal ist. Weshalb der wohl älteste Junge in dieser Runde beim abschließenden Singkreis auch gerne schweigen darf. Das sei „altersgerechtes Verhalten“, schmunzelt Rolf Johnen, während die Kinder den Klassenraum längst verlassen haben.

Zurück bleiben einige der gestalteten Sandkästen der Kinder: Vollgestellt mit spielzeuggroßem Kriegsgerät, halb verbuddelten Playmobil-Leichen, zerschundenen Plastik-Soldaten. Das Unaussprechliche sichtbar gemacht. Gerlinde Unger erzählt, was sie dabei persönlich mit am meisten berührt hat: „Ein Junge hat jedes Mal seinen ›Kriegskasten‹ komplett zugestellt mit Panzern und Kriegsgerät. Jedes Mal, wenn er seinen Sandkasten gestaltete. Doch ganz zum Schluss baute er ein kleines, knallbuntes Viereck in die Mitte seines Kastens – mit Tieren, Huhn, Hase und Schwein.“ Ein Fleckchen Normalität inmitten der unaussprechlichen Grausamkeiten, die dieses Kind erlebt hat. Ein Hoffnungsschimmer aus dieser kindlichen Seele.

Impressionen vom Theaterspaziergang im Kloster Hirsau am 30.09.2018

Bei traumhaftem Spätsommerwetter und vor malerischer Kulisse eröffneten Rupert Hausner und Bernhard Mohl ihr Programm „Durch meine Vaterstadt, da fließt ein Fluss“.

Zahlreiche Besucher*innen verfolgten die teils von Hausner vorgetragenen autobiografischen Texte und teils von Mohl vertonten Gedichte Hermann Hesses.

Innerhalb der historischen Mauern fanden sich ideale Spielorte mit offenkundigen Bezügen zu Hesses Texten etwa über Frömmigkeit oder seine Bewunderung für Bäume.

Theaterspaziergang im Kloster Hirsau: „Durch meine Vaterstadt, da fließt ein Fluss“

„Durch meine Vaterstadt, da fließt ein Fluss“
Theaterspaziergang im Kloster Hirsau mit Rupert Hausner und Bernhard Mohl

Sonntag, 30.09.2018
11 Uhr

Treffpunkt (Start und Ziel): Haupteingang Klosterruine Calw-Hirsau (Unterer Torbogen)

+++ Autobiografische Texte und vertonte Hesse-Gedichte werden im historischen Gemäuer aufgeführt
+++ Rupert Hausner und Bernhard Mohl präsentieren speziell für Calw konzipiertes Programm

Calw-Hirsau | Am Sonntag, 30. September 2018, wird im Rahmen eines Theaterspaziergangs in der Klosterruine Calw-Hirsau zum vorerst letzten Mal ein speziell für Calw konzipiertes Bühnenprogramm aufgeführt, dessen Fokus auf den literarischen Betrachtungen Hermann Hesses liegt.

Im historischen Gemäuer präsentieren die Tübinger Bühnenprofis Rupert Hausner und Bernhard Mohl autobiografische Texte und eigens vertonte Gedichte Hesses – stets mit Bezug zur Heimat und Biografie des berühmtesten Sohns des Schwarzwaldstädtchens. Die literarischen Texte werden in gesungener und gesprochener Weise ganz neu erlebbar und entfalten einen besonderen Zauber.

Rupert Hausner, Schauspieler am Landestheater Tübingen und der ebendort ansässige Komponist und Multiinstrumenalist Bernhard Mohl sind eingespielte Bühnenpartner. Mohl singt eigens komponierte Liedfassungen bekannter und weniger bekannter Hesse-Gedichte und begleitet sich dabei auf Gitarre und Geige. Hausner liest Texte, die auch Kennern zum Teil noch neue Facetten des weltbekannten Calwer Schriftstellers eröffnen werden.

Hermann Hesse wurde 1877 in Calw geboren und ist Ehrenbürger seiner Heimatstadt. Wenngleich er im Verlauf seines Lebens die Schweizer Staatsbürgerschaft annahm und auch in Italien lebte, blieb er Calw zeitlebens innig verbunden. In vielen Werken thematisiert Hesse die Bedeutung von Heimat, gleichzeitig greift er aber auch die Wanderschaft und das Nach-Hause-Kommen immer wieder auf. So findet man nahezu in allen Schriften autobiografische Komponenten.

Auch Spiritualität und Glauben werden in den Texten des gelernten Buchhändlers und späteren Literaturnobelpreisträgers immer wieder behandelt. In seinen Werken – auch geprägt durch die Erfahrungen beider Weltkriege – interessiert sich der feinsinnige Dichter vor allem für das innere Seelenleben seiner Figuren. Fragen nach dem inneren Halt in unruhigen Zeiten, Religion und Hingabe an Gott, wie Hesse sie stellt, erscheinen auch in der heutigen Zeit absolut relevant.

Die Theaterspaziergang im Kloster Hirsau wird von StadtLandKultur e.V. präsentiert und findet statt am Sonntag, 30. September 2018, um 11 Uhr. Treffpunkt ist der Haupteingang der Klosterruine Hirsau (Unterer Torbogen). Tickets sind erhältlich im Vorverkauf bei der Stadtinfo Calw und über reservix zu 15/10 Euro oder vor Ort zu 17/12 Euro.

Einladung zum Netzwerktreffen am 10.06.2018

Das nächste StadtLandKultur-Netzwerktreffen findet wie folgt in lockerem Rahmen statt:

Sonntag, 10.06.2018, 18 – 20 Uhr, Gaststätte Schlupfwinkerl in Calw-Stammheim

Wir würden uns freuen, viele neue und bekannte Gesichter dort zu sehen, um uns über laufende Projekte und neue Ideen auszutauschen!

Mitmachen statt nur Zugucken: Offene Bühne bei Jazz am Schießberg am Freitag, 08. Juni 2018, 20 Uhr

Calw, 31.05.2018 | Bevor die Konzertreihe Jazz am Schießberg in die Sommerpause geht, wird es im Forum des Hermann-Hesse-Gymnasiums noch einmal so richtig heiß: Am Freitag, 8.6.2018, werden Künstlerinnen und Künstler unterschiedlicher Couleur auf einer sogenannten „Open Stage“, einer offenen Bühne, auftreten. Weitere Beiträge zu diesem Soziokulturellen Abend sind erbeten und können vorab per Mail an info@stadtlandkultur.de angemeldet werden. Auch spontane Beiträge sind willkommen.

Aus dem Integrationsprojekt „Mitmachen statt nur Zugucken“ ist der Gedanke eines soziokulturellen Netzwerks für den Landkreis Calw entstanden. Waren es zunächst in erster Linie Flüchtlinge, für die Musikgruppen und für deren ehrenamtliche Helfer Seminare angeboten wurden, so widmet sich der Verein StadtLandKultur e.V. heute gezielt dem gesellschaftlichen und kulturellen Miteinander aller Gruppen und Personen, die in der Region zusammenleben.

Beim Soziokulturellen Abend werden neben Fausto Ruque und seinem Gitarrenensemble auch die Trommelgruppe „Jayantha Gomes & the Clan“, das Vokalensemble „PentaPhone Singers“ sowie die Theatergruppe mit dem ungewöhnlichen Namen „Eine junge Gruppe Menschen, die sich zum Ziel gesetzt hat, außerhalb der Glitter-und Glamourwelt Kultur zu machen!“ dabei sein.

Das Gitarrenensemble wurde im letzten Jahre von Fausto Ruque vom Verein StadtLandKultur und von Tobias Zinser vom Arbeitskreis Asyl ins Leben gerufen. Jugendliche und Kinder aus Syrien und Afghanistan lernen unter fachkundiger Leitung die Grundlagen des Gitarrenspiels und präsentierten bereits die ersten Erfolge. Die Band Jayantha & the Clan ist die Verwirklichung einer Idee des srilankischen Künstlers Jayantha Gomes. Das Hauptanliegen der Gruppe Jayantha & the Clan ist es, durch ihre Musik Wege zur Toleranz und Mitmenschlichkeit zu eröffnen. Trommeln dient als Brücke von Mensch zu Mensch und spannt einen Bogen zwischen Kulturen.

Das fünfköpfige Ensemble „PentaPhone Singers“, zusammengesetzt aus geübten Laien aus dem Großraum Calw/Weil der Stadt, singt Lieder aus der Klassik über Jazz bis hin zur Folklore und Pop-Musik. Meist a cappella, manchmal auch begleitet mit E-Bass oder Gitarre, Querflöte und Percussion. Freude an der Musik und am Singen hat die Gruppe zusammengebracht. Ihr Repertoire reicht von Bach und Händel über A. Ronell, Mancini, The Eagles, Billy Joel bis Carlos Santana und Stevie Wonder, nur um einige zu nennen. Mit viel Experimentierfreudigkeit und dem Vorsatz, sich keinem Genre zu verschreiben, werden die Titel selbst arrangiert. Somit halten sich die PentaPhone Singers alle Türen offen, um sich selbst und ihr Publikum mit ihren Stücken zu überraschen.

„Eine junge Gruppe Menschen, die sich zum Ziel gesetzt hat, außerhalb der Glitter-und Glamourwelt Kultur zu machen!“ ist – wie der Name bereits erahnen lässt – ein junges, spontanes und ideenreiches Team in der Welt des Improvisationstheaters. Ins Leben gerufen wurde die Gruppe vor nun bereits drei Jahren von Jana Reichert, welche zu dieser Zeit ihren Bundesfreiwilligendienst im Jugend-und Kulturzentrum W3 in Holzgerlingen verrichtete. Seitdem treffen sich die Hobby-Schauspieler regelmäßig im W3. Mit das elementarste Merkmal des Improvisationstheaters ist das Publikum. So dient es als der Inputgeber schlechthin bei verschiedenen Spielen, da es beispielsweise den Spielort, die Emotion, das Spielgenre oder die Beziehung der Spieler untereinander vorgibt.

„Von soziokultureller Integrationsarbeit profitieren wir alle,“ sagt Urs Johnen, Vorsitzender des Vereins StadtLandKultur. „Es macht Spaß, einander mit dem jeweiligen kulturellen Hintergrund besser kennenzulernen – ganz egal, ob es um die alten Nachbarn oder Flüchtlinge aus Kriegsgebieten geht.“ Die Einladung zum Mitmachen richtet sich deshalb an die AkteurInnen und Gruppierungen aller Nationalitäten, Religionen und Altersstufen, die in Calw und Umgebung zuhause sind.

Beginn der Veranstaltung am Freitag, 08.06.2018 ist um 20 Uhr, Einlass ab 19:30 Uhr.

Der Eintritt ist frei. Es werden Spenden für soziokulturelle und integrative Musikprojekte gesammelt. Weitere Informationen zu diesen Projekten: www.stadtlandkultur.de.

„Durch meine Vaterstadt, da fließt ein Fluss“ – Theaterspaziergang zum Schafott Sonntag, 10. Juni 2018, 11 Uhr

Calw, 25.05.2018 | Am Sonntag, 10. Juni 2018, präsentieren die Reutlinger Schauspielerin Chrysi Taoussanis und der Tübinger Musiker Bernhard Mohl im Calwer Stadtwald ein speziell für Calw konzipiertes Programm, dessen Fokus auf den literarischen Betrachtungen Hermann Hesses liegt. In freier Natur präsentieren die beiden Bühnenprofis autobiografische Texte und eigens vertonte Gedichte – stets mit Bezug zur Heimat und Biografie des berühmtesten Sohns des Schwarzwaldstädtchens. Die literarischen Texte Hesses werden in gesungener und gesprochener Weise ganz neu erlebbar und entfalten einen besonderen Zauber.

Die gebürtige Osnabrückerin Chrysi Taoussanis ist als Schauspielerin am Theater „Die Tonne“ in Reutlingen engagiert und bereits seit vielen Jahren ein Liebling des Calwer Publikums. Bei unzähligen Theaterspaziergängen und -kutschfahrten hat sie sich in die Herzen ihrer Zuschauer gespielt: Gemeinsam mit Stefan Töpelmann etablierte sie die Kunst des Improvisationstheaters im öffentlichen Raum und in der Natur in und um Calw.

Bernhard Mohl stammt aus Stuttgart und ist seit 1991 freier Musiker in Tübingen. Er ist mit Liederprogrammen, Lesungen mit Liedern und Theatermusik auf verschiedenen Bühnen zu sehen. Mohl hat zahlreiche Songs nach Gedichten von Mörike bis Gernhardt komponiert sowie Theatermusik für das Landestheater Tübingen geschrieben. Seine Hauptinstrumente sind die Geige und seine Stimme. Er spielt auch Gitarre, Ukulele, Bassgitarre, Percussion und Tasteninstrumente.

Hermann Hesse wurde 1877 in Calw geboren und ist Ehrenbürger seiner Heimatstadt. Wenngleich er im Verlauf seines Lebens die Schweizer Staatsbürgerschaft annahm und auch in Italien lebte, blieb er Calw zeitlebens innig verbunden. In vielen Werken thematisiert Hesse die Bedeutung von Heimat, gleichzeitig greift er aber auch die Wanderschaft und das Nach-Hause-Kommen immer wieder auf. So findet man nahezu in allen Schriften autobiografische Komponenten.

Auch Spiritualität und Glauben werden in den Texten des gelernten Buchhändlers und späteren Literaturnobelpreisträgers immer wieder behandelt. In seinen Werken – auch geprägt durch die Erfahrungen beider Weltkriege – interessiert sich der feinsinnige Dichter vor allem für das innere Seelenleben seiner Figuren. Fragen nach dem innerem Halt in unruhigen Zeiten, Religion und Hingabe an Gott, wie Hesse sie stellt, erscheinen auch in der heutigen Zeit absolut relevant.

Die Theaterspaziergang zum Schafott wird von StadtLandKultur e.V. präsentiert und findet statt am Sonntag, 10. Juni 2018, um 11 Uhr. Treffpunkt ist der Wanderparklatz beim Wildschweingehege auf dem Wimberg. Tickets sind erhältlich zu 15/10 Euro im Vorverkauf bei der Stadtinfo Calw und über reservix sowie zu 17/12 Euro vor Ort.

Einladung zum Netzwerktreffen am 15.04.2018

Das nächste StadtLandKultur-Netzwerktreffen findet wie folgt in lockerem Rahmen statt:

Sonntag, 15.04.2018, 18 – 20 Uhr, Gaststätte Schlupfwinkerl in Calw-Stammheim

Wir würden uns freuen, viele neue und bekannte Gesichter dort zu sehen, um uns über laufende Projekte und neue Ideen auszutauschen!

Mitgliederversammlung und Netzwerktreffen am 4.3., 11-14 Uhr in Neubulach

Calw, 27.02.2018 | Der Verein StadtLandKultur e.V. lädt Mitglieder und Interessierte zur diesjährigen Mitgliederversammlung mit Netzwerktreffen am kommenden Sonntag, 4.3.2018, 11-14 Uhr im Brauhaus Rössle in Neubulach ein.

Im Anschluss an den formellen Teil werden aktuelle Projekte und neue Vorhaben vorgestellt. Der gemeinnützige Verein StadtLandKultur e.V. hat sich Anfang 2017 als Netzwerk für gesellschaftliches und kulturelles Miteinander im Landkreis Calw formiert. Er trägt unter anderem den Aufbau eines Traumanetzwerks, Projekte in der Flüchtlingshilfe sowie die Konzertreihe Jazz am Schießberg.

Die Versammlung findet in der historischen Jagd- und Bauernstube im Brauhaus Rössle in Neubulach mit der Möglichkeit eines gemeinsamen Mittagessens statt. Weitere Informationen: info@stadtlandkultur.de.

Helfer lernen Sandspieltherapie kennen

Von Roland Stöß 29.01.2018 – 09:42 Uhr

Aufstellen zum Gruppenbild (von links): Birgit Auer (Diakonie), Helmut Leipersberger (verantwortlicher Therapeut), Gerlinde Unger (Diakonie), Rolf Johnen, die 1000. Teilnehmerin Isabell Stahl, Beate Leinberger und Thomas Loew. Foto: Stöß Foto: Stöß

Aufstellen zum Gruppenbild (von links): Birgit Auer (Diakonie), Helmut Leipersberger (verantwortlicher Therapeut), Gerlinde Unger (Diakonie), Rolf Johnen, die 1000. Teilnehmerin Isabell Stahl, Beate Leinberger und Thomas Loew. Foto: Stöß

Neubulach/Calw – 56 engagierte, ehrenamtliche Laien wurden in einem Zweitages-Seminar qualifiziert, traumatisierte Flüchtlingskinder und -jugendliche seelisch zu unterstützen. Das Besondere: Der Erfinder des inzwischen weltweit angewandten Projektes, Thomas Loew, begrüßte in Calw die 1000. Teilnehmerin Isabell Stahl.

Erfreulich: Bei offiziellen Stellen ist die Unverzichtbarkeit dieses Projektes anerkannt worden. Der Calwer Organisator Rolf Johnen erhielt finanzielle Zusagen von verschiedenen Stellen (Stadt Calw, Landkreis Calw, Fonds für Flüchtlingsarbeit). Mitunterstützer sind ferner der Diakonieverband Nördlicher Nordschwarzwald, gefördert vom Deutschen Hilfswerk.

Loew, ärztlicher Leiter der Regensburger Uniklinik in Sachen Psychosomatik, hatte angesichts des unerwartet großen Teilnehmerandrangs die Kinder- und Jugendpsychologin Beate Leinberger zum Zwei-Tage-Seminar mitgebracht.

Individuelle Betreuung

Dieses richtete sich an alle Helfer und Interessierten, um zu erfahren, was es bedeutet, ein Trauma zu erleiden. Diese ehrenamtlichen Traumahelfer, so dürfen sie sich in Zukunft nennen, treten demnächst die Aufgabe an, betroffene Flüchtlingskinder und -jugendliche individuell zu betreuen. „Unser Ziel ist es, Kindern und Jugendlichen nachhaltig zu helfen. Ein nicht verarbeitetes Trauma beeinflusst sonst das gesamte weitere Leben“, so Loew. Die Folgen aus zig-tausendfachen, nicht verarbeiteten Kriegstraumata könnte die Gesellschaft kaum verkraften.

Diese Initiative ergriff Loew, als er 2015 erkannte: Die Zahl traumatisierter Flüchtlinge, insbesondere der Kinder und Jugendliche, ist einfach zu groß, “ als dass wir sie im Rahmen der kurz und mittelfristig zur Verfügung stehenden Ressourcen unterstützen können. Da wir bei konventionellem Vorgehen bei etwa 3000 Kinder-psychotherapeuten und 700 Kinderpsychiatern und mit etwa 150 000 traumatisierten Kindern rechnen müssen, würde das 1,5 Millionen Behandlungsstunden entsprechen. Selbst wenn wir uns nur auf die größten Krisen beschränken: Das ist nicht zu leisten.“

Er nahm mit diesen Zahlen allen potenziellen Kritikern den Wind aus den Segeln. „Eigentlich sind wir in Deutschland schon ohne Flüchtlinge in dieser Frage unterversorgt.“ Sie spielten damit auf die unversorgten psychosomatischen Leiden Einheimischer an. „Wie wäre es mit einem Erste-Hilfe-Kurs für die Seele?“

Loew und Leinberger erklärten anschaulich, was es heißt, traumatisiert zu sein. Brennende Menschen, Giftgas, der verstümmelte Vater, Bombenlärm, offene Gräber mitten in der Stadt, Trennung von der Familie, Kälte und Hunger. All das und viel mehr gilt es zu verarbeiten.

Ruhig sowie gelassen

Mut macht, dass die Kinder lernen wollen. Dass die Kinder die Erwachsenen spiegeln. Darin liegt auch ein Erfolgsgeheimnis der Therapie. Sind die Helfer ruhig und gelassen, lernen das die Kinder recht schnell ebenso. Das Kind kommuniziert mit den Helfern wortlos. Es braucht nicht gesprochen zu werden. Gerade Kinder werden durch „Beziehung und Bindung“ durch das Leben getragen. Exakt dieses Bewusstsein wurde in diesem Kurs geschaffen.

Loew ist optimistisch, weil er die innere Einstellung und das Engagement dieser 56 Helfer sieht. Diese opfern ihre Freizeit, möchten helfen, übernehmen Verantwortung. Sie bereichern sich übrigens dadurch auch selbst. „Wir können so ein Projekt gestalten, weil wir es hier mit Erwachsenen zu tun haben.“ Die (laienhaften) Trauma- helfer werden bei ihrer Tätigkeit nicht alleine gelassen. In Calw werden ausnahmslos immer die Psychologen Helmut Leipersberger und Rolf Johnen anwesend sein. Somit sind sie zur Stelle, wenn der Helfer nicht weiter weiß. Die Verantwortung liegt bei den Therapeuten.

Die angehenden Traumahelfer lernten in Neubulach praktisch und am eigenen Leib, wie eine Sandspieltherapie aussieht und durchgeführt wird. Abwechselnd – aus der Sicht des Kindes und des Therapeuten.

Sie lernten die gesundheitsfördernde Wirkung einer beruhigenden Atmung und die positiven Einflüsse des Singens. Auch positive Erkenntnisse der modernen Gehirnforschung und positiv wirkende Übungen (bilaterale Stimulation, die liegende Acht, EMDR-Behandlung, SURE) zeigten den Schulungsteilnehmern Erstaunliches.

Negative Beeinflussung

Im Pressegespräch gefragt, was seine Motivation für diese außergewöhnliche Initiative sei, antwortete Rolf Johnen mit einem einfachen Satz: „Da muss man doch etwas machen. Das ist doch ein Zeichen der Menschlichkeit.“

Johnen hat die beiden Regensburger Referenten auf die Gefahr hin engagiert, auf den nicht unerheblichen Kosten sitzen zu bleiben. Nun sind er und die Teilnehmenden sehr dankbar und freuen sich über die Finanzspritzen der Stadt Calw, des Landkreises und dem Fonds für Flüchtlingsarbeit (initiiert von Saskia Esken, Mitglied des deutschen Bundestages).

Loew machte allen offiziellen Stellen die Rechnung auf, dass dies eine gewinnbringende Investition ist. Umgekehrt, was es, nicht nur finanziell, für die Gesellschaft bedeutet, wenn ein Kriegstrauma unverarbeitet bleibt. Dass das gesamte weitere Leben negativ beeinflusst wird, wurde am Ende jedem Teilnehmenden klar.

Als Loew dann auch noch die vielfältigen, schwierigen und kulturellen Hintergründe beleuchtete, die Geflüchtete begleiten, wurde hier und da viel neues Verständnis erzeugt. Beispiele machten deutlich, wieso jemand ein bestimmtes Verhalten mitbringt.

„Damit müssen wir umgehen.“ Loew machte auch unmissverständlich klar: „Mit etwas umgehen heißt nicht, alles zu akzeptieren“ Wir sind sehr kompromissbereit. Wir gehen in vielen Situationen auf diese Menschen zu und sind hilfsbereit. „Doch gilt es, klare Kante zu zeigen; Regeln aufzuzeigen, die es einzuhalten gilt.“ Mit allen Konsequenzen.